Berner Komponisten
Komponieren – der Kuss der Muse

Wir geniessen Musikstücke – und wissen nicht, wie sie entstanden sind. Was geschieht im Kopf eines Komponisten, wenn er Musik erfindet? Daniel Glaus, Organist und Komponist, gewährt einen Einblick in die Entstehung seiner musikalischen Werke.

Am Anfang steht das Nichts, die Leere. In diese Leere fliesst das Tohuwabohu, das Chaos, Nährboden für jede Möglichkeit. Am Anfang steht die Neu-Gier, die Offenheit für jede Möglichkeit. Am Anfang steht die absolute Gelassenheit, das Nichts-Wollen, das Nichts-Tun, das Nichts-Wissen. Ich trage in mir den Glauben, etwas nur in Tönen Sagbares in Tönen ausdrücken und spürbar machen zu können.

Daniel Glaus, Organist, Komponist und Ehrendoktor der Universität Bern
Bild: Stefan Wermuth
Musikalische Gewitternacht
Das Handwerk des Komponierens – der Materialisationsvorgang vom Innern Ohr (Klang-Vision, «Audition», Klang-Imagination) zum Äussern Ohr – vollzieht sich in mehreren Schritten. Meistens steht am Anfang ein äusserlicher, ganz prosaischer Anstoss zu einem neuen Werk, zum Beispiel ein Auftrag oder eine Anfrage einer befreundeten Person. Ich gehe sodann kürzere oder längere Zeit mit dem «Wissen, ein Stück schreiben zu müssen» um. Ich setze mich mit den äusseren Gegebenheiten auseinander: Auftraggeber, Personen, Ort, Räumlichkeiten, Besetzungswünsche, ausführende Musiker. So stelle ich gewissermassen den «Humus» bereit, aus dem die zu schreibende Musik genährt werden kann. Durch die intensive gedankliche Arbeit öffne ich mich zudem für alle erdenklichen Bezüge zu meinem Auftrag. Jede Begegnung, jede Lektüre, jede Wanderung, jede Zugfahrt, jede Tätigkeit hat nun etwas mit der Komposition zu tun. Ich führe ein Skizzenbuch, in das ich immer wieder – unzusammenhängend – meine Gedanken und Ideen notiere. Und plötzlich – in einem völlig unvorhersehbaren Augenblick – öffnet sich mir ein Fenster, durch das ich die Musik «sehe» und «erhöre». Fast blitzartig erhellt sich mir das Ganze. Hindemith vergleicht diesen Moment mit einer Gewitternacht, bei der sich dem Betrachter innerhalb eines Sekundenbruchteils die ganze Landschaft mit all ihren Details erschliesst. Mozart spricht von einer gedeckten Tafel, vor der er stehe und nun beginnen könne mit dem «lustvollen Fressen». Der venezianische Philosoph Massimo Cacciari bezeichnet diesen Augenblick als «Apokastaseis en atomo» (Offenbarung im Zeitraum eines einzigen Lidschlags). Die Klangvision, die Audition, muss so stark, einprägsam, überwältigend, im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend sein, dass sie während des ganzen nun folgenden sichtbaren Kompositionsprozesses wirksam ist. Ich möchte sie vergleichen mit einer hell leuchtenden, strahlenden «Punktklangkugel» (Titel einer Komposition aus dem Jahre 1990). Es ist die absolute «Nullzeit».

Musik-Architektur
Nun folgt der Versuch, diese Nullzeit, die alle Informationen bereits beinhaltet, auszubreiten, auszurollen auf die «Leinwand der Zeit». Dazu gehören viele Skizzen, um das eigentliche Baumaterial (die Motive, die Harmonik, die Rhythmik) zu definieren. Es gehört die Planung des gesamten «Zeitgebäudes» dazu, die Dramaturgie. Es wird gerechnet, experimentiert, verworfen, neu zusammengesetzt, und immer wieder gewartet – mit einem kritischen, intensiv lauschenden Inneren Ohr. Je nachdem stelle ich eine Art «Baugerüst» auf, das mir hilft, die musikalischen Räume besser zu durchschreiten. Und nun kann ich mit dem eigentlichen «Bauen» beginnen: Stein auf Stein, Winkel um Winkel, Türen, Verbindungen, Fenster, Verdunklungseinrichtungen, Licht und Dunkel, Farben und Schattierungen: Die vielen Details können mit Hilfe einer guten Instrumenten- und Stimmenkenntnis massgeblich verfeinert und verdeutlicht werden.

Spannung erzeugt Musik
Meine Kompositionen sind zaghafte Versuche, mich musikalisch Idealvorstellungen oder vagen Ahnungen einer allumfassenden Idee anzunähern, Ahnungen eines grossen, steten, ewigen Klingens, das uns umgibt und durchdringt, tönende Kräfte ähnlich einer Atmosphäre, die unaufhörlich kreisen, schweben, sich durchkreuzen und verwehen zu einem transparenten, hauchfeinen, schleierartigen Gefüge. Sie sind gezeichnet durch mein unheimliches Unbehagen angesichts der Weltlage (politisch, ökologisch, sozial, ethisch) und entspringen der Spannung zwischen regem Familienleben, hektischem Berufsalltag und der tiefen Sehnsucht nach Stille. Sie bewegen sich an Grenzen und versuchen diese zu sprengen.

Alle Kompositionen entstehen aus der für mich sehr wichtigen Dualität einer intuitiven, spontanen, fast improvisatorischen, vom Gehör und vom Klang ausgehenden und einer konstruktiven, berechnenden, eventuell technischen Arbeitsweise. Ich schreibe bewusst für Menschen. Reine Maschinenmusik fasziniert mich zwar, und ich sehe grosse Möglichkeiten auch für mich, beispielsweise den Computer zu verwenden, doch finde ich es gerade heute in der verdigitalisierten Zeit ausserordentlich wichtig und nötig, dass Zwischenmenschliches gefördert wird. Deshalb Musik für Menschen, die zwar nie perfekt sind, die aber hie und da etwas in die Musik bringen, das die Maschine nicht kann, da diese eben perfekt, das heisst limitiert und genormt zu sein hat.

Meine Kompositionsweise ist eine suchende, manchmal umherirrende, manchmal stockende, tastende, wartende, vielleicht irgendeinmal fündige.

Dr. h. c. Daniel Glaus, Organist, Komponist und Professor für Komposition und Theorie
175 Jahre Universität Bern
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